Nippons Weg in die Moderne

Jahrhunderte der Isolation, Zeiten der Öffnung, Vorzeigenation Asiens – Japans Geschichte ist abwechslungsreich und auch heute noch allgegenwärtig.

„Ohrenentzündung, Betäubung, Hautreizung ..." Wer in Japan zum Arzt geht, wird mit Erstaunen feststellen, dass viele ältere Mediziner die wichtigsten medizinischen Begriffe auch auf Deutsch verstehen. Der Grund ist einfach: Im 19. Jahrhundert orientierte sich das kaiserliche Japan in Sachen Medizin vor allem an Deutschland. Lange Zeit mussten Mediziner im Studium selbstverständlich auch Deutsch lernen.

Bis zu dieser Zusammenarbeit war es allerdings ein langer Weg. Denn aufgrund der Insellage, gepaart mit einer Abschottungspolitik zur Eindämmung kolonialer Begehrlichkeiten, war Japan viele Jahrhunderte weitgehend isoliert vom Rest der Welt. Kein Wunder, dass es eine Religion entwickelte, die es bis heute nur in Japan gibt. Es kristallisierte sich ein Glaubenssystem heraus, an dessen Spitze die Sonnengöttin Amaterasu steht: der Shintoismus. Ungewohnt ist, dass er keine heiligen Schriften und keine moralischen Regeln oder Gebote kennt. Dafür eine Welt voller „Kami". Das sind Geister, Gottheiten und vergöttlichte Naturkräfte, deren Zahl stetig wächst, wird doch jeder Verstorbene zum Kami! Ihnen wird regelmäßig geopfert, damit sie über ihre Ahnen wachen. Auch der Tenno, der japanische Kaiser, gilt als Abkömmling Amaterasus und ist somit göttlicher Herkunft.

Shinto, Buddhismus – oder beides!

Schnell jedoch bekam der Shinto-Glaube Konkurrenz. Von China kam im sechsten Jahrhundert via Korea der Buddhismus ins Land. Er bot, im Unterschied zum Shintoismus, einen echten Heilsweg und ein Paradies nach dem Tode. Schnell wuchs der Einfluss des neuen Glaubens. Bis heute sind viele Japaner Anhänger beider Glaubensrichtungen!

All dies geschah unter der Herrschaft des Tennos. Im 12. Jahrhundert freilich kam es zum großen Umbruch. Der Tenno hatte längst an Macht verloren. 1192 ergriff der Feldherr Yoritomo Minamoto als „Shogun“ die Macht, während der Kaiser nur noch rituelle und religiöse Aufgaben wahrnahm. Die Herrschaft der Shogune, die ihre Macht auf die Kriegerkaste der Samurai stützen, sollte fast sieben Jahrhunderte dauern! Derweil trieb Japan mehr und mehr in die Isolation. Im 17. Jahrhundert wurde es schließlich bei Strafe verboten, das Land zu verlassen. Erst 1853 gelang es dem US-amerikanischen Commodore Matthew Perry, das Land mit einer See-Blockade zu öffnen. Für den Tenno Meiji eine ideale Gelegenheit, das Shogunatssystem abzuschaffen und die Macht wieder selbst zu übernehmen. Zeitgleich ließ der Tenno zahlreiche westliche Reformen in Industrie, Militär und Wirtschaft durchführen – darunter auch die Zusammenarbeit mit Deutschland auf medizinischem und juristischem Gebiet.

Rastlos in die Moderne

Mit dem Zweiten Weltkrieg versank Japan in Schutt und Asche, nur um wenige Jahre später in rasantem Tempo den Wandel von der Agrarzur industriellen Exportnation zu vollziehen. 1956 wurde Japan schließlich in die Vereinten Nationen aufgenommen. Bereits 1964 machte Japan mit Prestige-Projekten wie dem ersten Shinkansen Hochgeschwindigkeitszug und architektonischen Höhenflügen international von sich reden.

Wer heute die Geschichte Japans schnuppern will, sollte sich von Hochhäusern und Schnellstraßen nicht irritieren lassen. Meist genügt es, ein wenig aufs Land zu fahren, wo bis heute Straßenzüge mit Holzhäusern, Tempeln und Schreinen die Geschichte Japans bewahren.

Im März 2011 wurde das moderne Japan noch einmal auf eine schwere Probe gestellt: Nach einem Erdbeben der Stärke 9,0 verwüstete ein Tsunami viele Kilometer der Küste Nordost- Honshus und verursachte die verheerendste Naturkatastrophe Japans. 5 Jahre später sind die meisten Schäden jedoch behoben.